Truthahnhals

Posted on Sep 23rd, 2017 in Writings and Poems

Tiefe Schluchten und kleinere Gräben durchziehen ihr Gesicht, doch schön ist sie trotzdem. Wenn sie lacht wackelt die weiche Haut um ihren Mund. So wie bei einer Dogge. Ich mag Doggen eigentlich nicht sonderlich, genau deshalb. Wegen ihrer hängenden Lefzen. Bei ihr ist das mit den Backen aber irgendwie sympathisch.

Sie sagt immer zu mir: „Vernie, wenn du auch mal so faltig bist wie ich, siehst du nicht mehr einfach nur dein Gesicht im Spiegel; du siehst einen Truthahn.“ Und es stimmt. Seit sie das mit dem Geflügel erwähnt hat, sehe ich manchmal ihren Hals an und denke: Truthahnhals. Das macht aber nichts, denn verliebt habe ich mich in ihren Mund. Kleiner schmaler Mund.

„Was machen wir heute?“, fragt sie.

„Was immer du möchtest”, antworte ich.

Ich weiß, dass das nicht ganz der Wahrheit entspricht. Sie weiß das auch. Doch wir beide spielen das immer gleiche Spiel. „Lass uns nach Italien fahren, du cremest meinen Rücken ein bis auf die kleinen Fältchen, da kommt die Sonne so oder so nicht hin. Ich hab dann einen Bikini an, einen bauchfreien“, sie zeichnet mit ihren Fingern einen schmalen Stirch unter ihre schon hängenden Brüste. „Der Push-Up versucht dann sein Bestes. Würdest du das mögen?“ Nun hebt sie eine Augenbraue und ihre Brüste ein Stückchen an und amüsiert sich über ihren eigenen Unfug.

„Ich habe eine andere Idee“, sage ich. „Lass uns heute Achterbahn fahren – acht mal hintereinander. Wir nehmen dein Gebiss vorher raus, dann hast du im wahrsten Sinne des Wortes nichts mehr zu verlieren. Den Push-Up Bikini bräuchtest du kaum noch anziehen; man ist eh meist kopfüber in der Achterbahn!“ Wir lachen laut und wir lachen viel; wie immer. Ihr Truthahnhals kommt beim Glucksen in Bewegung, aber ich achte gar nicht darauf. Ich sehe auf ihren Mund.

LEAVE A REPLY

Your Name
Your Email (will not be published)
Your Message